27.3.2008

Liegen und lesen

Die Patientenbücherei im Krankenhaus Bethanien feierte ihr 20-jähriges Jubiläum. Deren jetzige Leiterin Ilse Birnbaum ist von Anfang an dabei


Genau so lange wie es die Patientenbücherei am Krankenhaus Bethanien gibt, ist Ilse Birnbaum schon mit dabei. An und mit ihrem Arbeitsplatz beging die ehrenamtlich Grüne Dame jetzt das zwanzigjähriges Jubiläum (Foto: KBM/Tanja Pickartz)


Von Maria-Magdalena Losiewicz

Wenn Ilse Birnbaum im mintgrünen Kittel und dem großen Bücherwagen wöchentlich die Stationen des Bethanien-Krankenhauses besucht, gibt es bisweilen lustige Missverständnisse. Beispielsweise als sie einer französisch¬sprachigen Patientin aus Afrika, die kein Deutsch konnte, ein Buch in deren Muttersprache anbieten wollte. Im besten Schulfranzösisch erkundigte sich Ilse Birnbaum und scheiterte dabei an der Grammatik des französischen Worts „lit“, das gleichermaßen eine Form des Verbs „lesen“ darstellen, als Substantiv aber auch schlicht „Bett“ bedeuten kann. An den verwirrten Gesichtausdruck der auf ihrem Krankenbett sitzenden Patientin, die soeben gefragt worden war, ob sie nicht gern ein Bett ausleihen möchte, kann sich die ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Patientenbücherei noch heute lebhaft erinnern. Die Begegnung mit Menschen ist einer der Gründe, warum Ilse Birnbaum ihre ehrenamtliche Arbeit so viel Spaß macht. „Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man beim Rundgang mit dem Bücherwagen die Stationen abklappert“, sagt sie.

Gäbe es die Grünen Damen im Krankenhaus Bethanien nicht, gäbe es vermutlich auch keine Patientenbücherei. „Die Idee kam seinerzeit von Hilde Backhaus, einer Grünen Dame der ersten Stunde“, erinnert sich Birnbaum an das Jahr 1987. Die Grünen Damen – zu denen mittlerweile auch etliche Grüne Herren gehören – sind als Ehren¬amtliche bundesweit in der Ökumenischen Krankenhaushilfe (ÖKH) organisiert. In Krankenhäusern oder Altenheimen kümmern sie sich darum, Patienten oder Bewohnern kleine Wünsche zu erfüllen. Dazu können kleinere Besorgungen gehören, aber auch größere, wie der Betrieb einer kompletten Bücherei, wie sie nun im Bethanien ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiern kann. Zwar hat vor sechs Jahren Ilse Birnbaum die Leitung der Bibliothek von ihrer Vorgängerin Hilde Backhaus übernommen, doch gehört die Bibliotheksgründerin mit 82 Jahren immer noch zum Team, berichtet Birnbaum, die im letzten Jahr übrigens ebenfalls ihr 20-jähriges Jubiläum als ehrenamtliche Helferin im Bethanien beging. Grüne Damen sind, was ihre Arbeit angeht, treue Seelen.

Die Anfänge der Patientenbücherei waren reichlich improvisiert. Zunächst befand sie sich quasi freischwebend hoch droben auf der Empore der Krankenhaus-Kapelle. Den Grundstock bildeten etwa hundert gespendete Bücher. „Unser Bücherwagen war zunächst ein ausrangierter Röntgenplattenwagen“, erinnert sich Birnbaum. Seither jährlich vom Krankenhaus mit 1000 Euro für Bücherkäufe unterstützt, wurde es rund um die Kapellen-Orgel bald zu eng für Unterbringung der vielen Bände. Im August 2001 zog die Bücherei in einen eigens zu diesem Zweck konzipierten Anbau, direkt neben den Kiosk. „Der Architekt überließ uns einen Plan und wir konnten unsere Vorstellungen eintragen: Wie viele Regale? Wo sollten sie stehen?“ Das alles und noch viel mehr kann man in einem roten Buch erfahren, das die Geschichte der Patientenbücherei festhält und liebevoll von Hilde Backhaus gestaltet wurde. Da finden sich „Tipps für Neulinge am Bücherwagen“ und viele anrührende Geschichten. So zum Beispiel die vom einsamen Kinderklinik-Patienten Felix, der unbedingt beim Bücherabwaschen auf der Kapellen-Empore helfen wollte sich dann mit einer Bücherei-Helferin hinterm Altar auf die Suche machte, um nachzusehen, ob dort vielleicht der liebe Gott wohnt. Oder das Dankschreiben vom Direktor einer Zentralbibliothek in Weißrussland, die aus dem Bethanien eine Bücherspende für die deutschsprachige Abteilung erhalten hatte.

Die inzwischen 82-jährige Grüne Dame Hilde Backhaus ist die Gründerin der Patientenbücherei, die lange von ihr geleitet wurde. (Foto: KBM/Archiv)

Insgesamt neun Grüne Damen sind in der Bücherei tätig. Jede Station wird mindestens einmal die Woche mit dem Bücherwagen besucht, ein Service insbesondere für bettlägerige Patientinnen und Patienten. Viel zu tun gibt es bei der Verwaltung des Gesamtbestands von knapp 4000 Medien, zu denen Romane, Sachbücher, Großdruckbände, Hör- und Kinderbücher sowie Gesellschaftsspiele zählen. „Früher verliehen wir etwa 400 bis 600 Bücher im Monat, heute sind es nur noch 300 Ausleihen“, berichtet Birnbaum. Der Grund dafür ist nicht etwa wachsende Lese-Unlust bei den Patienten, sondern die Reform des Krankenhauswesens und nicht zuletzt eine verbesserte medizinische Versorgung: Statt der früher nicht unüblichen mehrwöchigen Aufenthalte, liegen Patienten heute im Durchschnitt nur noch sechs bis acht Tage in einer Klinik – viel weniger Zeit also, die Genesung für die ausgiebige Lektüre eines ordentlichen Stapels dicker Schmöker zu nutzen.

Eine Patientenbücherei ist zwar keine öffentliche Bibliothek, da sie nur von Patienten und Mitarbeitern des Krankenhauses genutzt werden kann, sonst aber funktioniert hier alles wie bei einer „richtigen“ Bücherei. Die Mitarbeiterinnen besuchen regelmäßig Fortbildungen für Bibliothekare, lassen sich von hauptamtlichen Fachleuten beraten oder tauschen sich mit anderen ehrenamtlichen Bibliothekaren aus. Ilse Birnbaum, die eigentlich gelernte Verwaltungsbeamtin ist, absolvierte für die Patientenbücherei sogar eine dreijährige Ausbildung zur Bücherei¬assistentin. Die Ausleihzahlen der Patientenbücherei im Krankenhaus Bethanien fließen zudem in die Ausleih-Statistik aller Büchereien Deutschlands mit ein. „Am beliebtesten sind Western, Krimis und natürlich auch Kinderbücher“, verrät Birnbaum, die selbst gern liest und „auch deswegen“ wie ihre Teamkolleginnen in der Bibliothek arbeitet, wie sie betont. „Wir können den Patienten Bücher empfehlen, die ihren Wünschen und Stimmungen entsprechen, gleich ob Unterhaltung, Spannung oder Information“. Wie in großen Büchereien sind im Bethanien selbst Bücher in Fremdsprachen vorhanden, damit auch Patienten mit wenig Deutschkenntnissen mit Büchern versorgt werden können.

Büchereileiterin Ilse Birnbaum präsentiert Bethanien-Pressesprecher Dirk Ruder ihre Schätze. Rund 4.000 Medien können Patientinnen und Patienten leihen (Foto: KBM/Tanja Pickartz)


„Wenn die Patienten die Bibliothek besuchen, leihen sie sich nicht immer direkt etwas aus, sondern kommen auch oft einfach mal zum stöbern in die Bibliothek, da hier eine sehr wohnliche Atmosphäre herrscht und viel weniger Krankenhausalltag. Schließlich ist die Bücherei auch dafür da, den Patienten Abwechslung zu bieten“, weiß die 65-jährige Birnbaum. Kinder kämen gern in die Bücherei um „einfach mal in aller Ruhe ein Gesellschaftsspiel zu spielen.“ Die Spiele können natürlich auch genauso wie alles andere ausgeliehen werden. Jedoch kommt, wie in jeder Bücherei auch, nicht immer alles zurück, was einmal verliehen wurde. Doch darauf sind die Grünen Damen eingestellt, wie man im roten Buch nachlesen kann, das sämtliches „Geheimwissen“ des Büchereiteams enthält. Bei den „Tipps für Neulinge am Bücherwagen“ findet sich unter anderem dieser: „Nach vermissten Comics fahnde man auf der Ärztetoilette“.

INFO
Die Patientenbücherei im Krankenhaus Bethanien kann von Patienten und Mitarbeitern genutzt werden
Öffnungszeiten: Di, Do & Fr jeweils 15 bis 17 Uhr


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